The show must go on
Es ist alles unwirklich. Ich lebe. Mir geht es soweit gut. Die letzten Tage waren in vielerlei Hinsicht der absolute Wahnsinn. Der Terror in Mumbai ist seit heute offiziell vorbei. The show must go on.
Vom normalen Alltag ist Mumbai allerdings noch weit entfernt. Es ist einfach schwer zu glauben, dass so eine kleine Anzahl von Terroristen die Stadt so lange in Atem halten konnte. Mit wem man auch spricht, fast alle sind nach wie vor beunruhigt. Was, wenn einige der Terroristen entkommen konnten? … Fuer uns Weisse gilt auch weiterhin der Ratschlag: “Bleiben Sie in Ihrer Wohnung.”
Aber ist es richtig, sich jetzt verrueckt zu machen / verrueckt machen zu lassen? Die beste Medizin ist doch eigentlich gerade der Alltag und Gespraeche mit Freunden. Ganz langsam versucht man also wieder zur Normalitaet zurueckzukehren. Gestern war ich mittags mit meinem indischen Kollegen in einem Restaurant hier in Bandra essen. Fuer einige Sekunden hatte ich dabei ein Deja-vu: “Mit dem Ruecken zum Eingang hast du vor kurzem schon mal an einem Tisch fuer zwei gesessen.” Doch das verschwand im nu wieder, als die Konzentration sich wieder aufs Gespraech konzentrierte.
Abends stand dann das Farewell Dinner eines Bekannten auf dem Plan und man bewegte sich schon wieder mit einer Rickshaw durch die noerdlichen Vororte. Richtig unbeschwert mitfeiern konnte ich nicht, das mag allerdings auch daran liegen, dass ich im Moment diverse Medikamente schlucken muss, diese mich irgendwie etwas droege machen und ich keinen Alkohol trinken darf
Heute wollten wir eigentlich auf den Weihnachtsmarkt der deutsch indischen Handelskammer, doch dieser wurde aus aktuellem Anlass verschoben.
In Gespraechen mit Freunden und Bekannten hier in Mumbai gibt es im Moment natuerlich kaum ein anderes Thema als die Anschlaege. Aber gerade die Gespraeche mit den Leuten, die hier leben, sind es, die helfen. Die Ereignisse sind fuer alle unwirklich, egal ob man in Mumbai lebt oder in Deutschland oder sonstwo auf der Welt. Aber wir hier in Mumbai sind die, auf deren Leben es den groessten Einfluss hat. Im Rest der Welt wird sich das Medieninteresse bald schon auf andere Dinge lenken, doch unser taegliches Handeln und unser Denken wird von nun an auf die ein oder andere Weise immer vom erlebten beeinflusst werden…
Die Emailflut in meinem Posteingang ist langsam eingedaemmt, mein Handy kommt auch wieder zur Ruhe, ich hoffe, mittlerweile weiss jeder, dass es mir soweit gut geht und ich habe niemanden bei den Antworten vergessen.
Ich habe heute im Internet ein Foto aus dem Leopold’s entdeckt. Kurze Warnung vorweg: Es ist nichts fuer zarte Gemueter. Ich bin mir nicht 100% sicher, aber oben rechts im Bild kann man, meine ich die Kasse erkennen. Wenn dem so ist, dann duerfte der Tisch, der links im Bild liegt, der sein, an dem ich gesessen habe.
Ich kann mein Glueck nach wie vor selbst kaum fassen.



3 comments
ja, das bild habe ich auch schon gesehen…ich denke, an dem tisch habe ich auch schon gesessen..aber du hast recht, nach vorn gucken ist besser. ich bin gespannt, wie in den nächsten tagen auch in dt.medien von den ereignissen berichtet wird. und ob…
lg anja
Ich finde die Medienresonanz in Deutschland und vor allem im Internet via Twitter und vielen Blogs doch schon ziemlich groß. Ich denke man kann die Stimmung die dort nur herrschen muss aber nur schwierig in Worte fassen.
Pierre, das bestreite ich gar nicht. Ich finde die Berichterstattung, auch der etablierten Medien in Deutschland zur Zeit wirklich gut. Man findet viele fundierte Berichte, das gefaellt mir sehr. Hier in Indien sind die meisten Artikel fuer meinen Geschmack zur Zeit zu emotional verfasst, als dass sie damit gescheit informieren koennten.
Was ich sagen wollte ist, dass wir hier in Mumbai nun aber mit dem Erlebten leben muessen. Und es ist der ganz normale Lauf der Dinge, dass man sich in Deutschland vermutlich recht bald schon wieder anderen Themen widmen wird. Das schreibe ich so voellig ohne Wertung.
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