Angst
Es wird immer unglaublicher, was ich fuer Glueck gehabt habe. Nicht nur, dass ich weitestgehend unbeschadet davongekommen bin, sondern mit sind auch schlimme Anblicke erspart geblieben. Ich hatte mich so auf den Seitenausgang konzentriert, dass ich im Leopold’s nichts grossartig um mich herum mitbekommen habe. Und nach meinem Entkommen aus dem Leopold’s war die Katastrophe fuer mich ja auch schon so gut wie ueberstanden.
Aus persoenlichen Gespraechen mit anderen Betroffenen weiss ich, dass es auch deutlich schlimmer geht.
Mein Freund, mit dem ich im Leopold’s gegessen habe, ist z.B. aus dem Leopold’s nicht geflohen. Er hat die vollen 8 Minuten dort ausgeharrt. Um ihn herum wurden die Leute niedergestreckt. Wie man heute weiss, starben im Leopold’s acht Menschen. Drei Auslaender, darunter zwei Deutsche, drei indische Gaeste und zwei Kellner. All das habe ich zum Glueck nicht mit ansehen muessen.
Zwei Deutsche Maedels, beide wohl auch Mitte 20, konnten aus dem Leopold’s entkommen, sind dann aber zum Taj geflohen, wo sie weitere sieben Stunden im Keller ausharrten, bis sie befreit wurden. All das ist mir erspart geblieben. Ich habe geradezu unverschaemtes Glueck gehabt.
Ich war heute wieder in Colaba. Es hiess, das Leopold’s sollte heute wiedereroeffnen, dort wollte ich hin. Als ich nachmittags ankam, hatte es allerdings wieder zu. Ich fragte ein in der Naehe stehendes Reporter-Team, was los sei. Angeblich hatte es wohl kurz auf, das Chaos sei dann aber zu gross gewesen. Jeder wollte den “Krater” im Boden und die Kugeln in der Wand sehen… In Downtown Mumbai herrscht nach wie vor eine ganz merkwuerdige Stimmung. Normalerweise wimmelt es auf den Buergersteigen vor Strassenverkaeufern, doch heute hatten so gut wie alle Geschaefte zu. Ich konnte nicht mal einen Blumenladen finden, um zumindest einen Blumenstrauss fuer die Familie zu kaufen, die mir Schutz geboten hat.
Hingegangen bin ich trotzem und ich wurde auch sofort wieder erkannt. Man fragte, wie es mir geht und ob ich das Land jetzt so schnell wie moeglich verlassen werde. Es folgte ein wirklich nettes Gespraech, soweit es deren begrenzten Englisch- und meine so gut wie nicht vorhandenen Hindikenntnisse zuliessen.
Ich habe nochmal meine Fluchtroute vom Mittwoch abgeschritten und auf Bildern festgehalten. Das war schon ein merkwuerdiges Gefuehl.
Zum Schluss habe ich, wie viele andere auch, am Leopold’s eine Kerze fuer die Opfer dieser feigen Anschlaege angezuendet und bin dann noch ein wenig durch die Innenstadt geschlendert. Plaetze und Strassen, die sonst nur so vor Menschen und Fahrzeugen wimmelten, wirkten wie ausgestorben. Mumbais Innenstadt kam mir vor, wie die Fussgaengerzone einer Deutschen Kleinstadt am Sonntagnachmittag bei Regenwetter.
Und die Leute haben Angst. Nicht mehr direkt um ihr Leben, aber doch um ihre Existenz. All die Postkartenverkaeufer, Touristenfuehrer, Souvenirverkauefer, Taxifahrer und all die anderen kleinen Haendler fuerchten, dass nun die Touristen ausbleiben. Ihre Lebensgrundlage. Ich kann fuer diese Menschen nur hoffen, dass die Touristen und Geschaeftsreisen es mit Suketu Mehta halten:
If the rest of the world wants to help, it should run toward the explosion. It should fly to Mumbai, and spend money.



1 comment
Unglaublich. Ich finde allerdings, du hast sehr viel Mut bewiesen, so schnell an den Ort des Geschehens zurueck zu gehen. Bleibt nur zu hoffen, dass das mulmige Gefuehl verschwindet.
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