Ich lebe!
Gepostet von Benjamin am Nov 28, 2008 in Indien | 12 KommentareSo schnell kann es gehen. Am Vormittag scherzt man noch darueber, dass Mumbai taeglich versucht, einen in den Wahnsinn zu treiben und dass Mumbai gelegentlich versucht, einen umzubringen und dann das.
Ist es Schicksal? Ich hatte drei moeglicher Veranstaltungen fuer Mittwoch-Abend. Deutscher Stammtisch in Bandra, direkt um die Ecke meiner Wohnung, oder ein paar Drinks im Times of India Cafe. Ich entschied mich fuer Option drei, ein Dinner im Leopold’s und anschliessend wollten wir ins Henry Tham’s. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.
Um 8 Uhr war ich mit einem Bekannten aus Deutschland im Leopold’s verabredet. Wir bestellten unser Abendessen, tranken ein paar Bier und unterhielten uns wirklich nett. Nun ging es auf 22 Uhr zu und wir waren gerade soweit, dass wir die Rechnung kommen lassen wollten, da geschah das Unfassbare.
Aus dem Augenwinkel sah ich, dass etwas in den Gang geworfen worden war, an dem unser Tisch stand. Es rollte an uns vorbei und ich dachte noch kurz “Moment, das ist doch keine…, was macht sowas in einem Restaurant”, dann explodierte der Sprengsatz auch schon, etwa zwei, drei Meter von unserem Tisch entfernt, unter einem anderen Tisch.
Es kann sich um keinen besonders hochwertigen Sprengstoff gehandelt haben, denn sonst koennte ich diesen Eintrag jetzt nicht mehr verfassen. So warf die Wucht der Explosion mich einfach nur zu Boden. Sofort darauf wurde von der Strassenseite das Feuer auf die Lokalgaeste eroeffnet. Mir war irgendwie sofort klar, dass ein sicheres Entkommen nur durch den Seitenausgang moeglich war und somit machte ich mich halb robbend halb krabbelnd so schnell wie moeglich auf den Weg dort hin. Im Laden selbst war zu diesem Zeitpunkt ein unglaubliches Chaos ausgebrochen. Jeder wollte zu dem Ausgang und um uns herum peitschten die Kugeln aus den Schnellfeuergewehren der Angreifer.
Die Nachrichtenlage ist noch immer unklar, aber man geht wohl mittlerweile davon aus, dass das Leopold’s das erste Ziel des Abends war und dass 4 – 5 Terroristen dort angegriffen haben. Angeblich sollen zwei von denen sogar im Leopold’s gegessen haben, ihre Rechnung bezahlt haben und dann das Feuer eroeffnet haben. Die halte ich allerdings fuer ein Maerchen der indischen Zeitung…
Sobald ich aus dem Seitenausgang raus war rappelte ich mich auf und lief hakenschlagend los. Ich suchte mir eine schmale Seitengasse und schnaufte dort erstmal in Ruhe durch und fuehrte erste Telefonate mit der Heimat.
Allerdings entpuppte sich meine Seitengasse als Sackgasse und da wollte ich dann doch lieber weg. Schliesslich liess mich nach dringlichem Klopfen eine indische Familie in ihre Einzimmerwohnung. Dort kam ich das erste Mal etwas zur Ruhe und sah, dass ich selbst auch verletzt war. Zum Glueck nicht weiter wild, aber ich hatte Schmerzen an verschiedenen Stellen meines Koerpers und fand auch Blut an meiner Kleidung. Das Meiste davon war zum Glueck nicht von mir, die Flecken kamen von Aussen, muss ich im Leopold’s abbekommen haben.
Die Hilfsbereitschaft der Inder war unglaublich. Zunaechst sprach in der Wohnung niemand Englisch, doch schnell wurde draussen jemand herbeigerufen. Dann wurde mir von draussen abgepacktes Wasser besorgt, obwohl draussen noch geschossen wurde und ich nicht darum gebeten habe. Ausserdem wollte man mir einen Arzt holen, doch das wollte ich nicht, denn ich wollte da weg.
Von der Wohnung aus rief ich dann den Notdienst des Deutschen Konsulats in Mumbai um Hilfe. Zufaellig wohnte der Mitarbeiter in direkter Nachbarschaft. Er wusste zu dem Zeitpunkt noch nichts vom ernst der Lage, hielt, wie viele, die Schuesse zunaechst fuer ein Feuerwerk. Er brauchte nur etwa 10 Minuten, um zu der Huette zu kommen, in der ich Unterschlupf gefunden hatte. In der Zwischenzeit waren in die Huette noch ein junger Mann aus Belgien und eine junge Frau aus Australien geschluepft.
Wir wurden dann in die Wohnung des Deutschen Diplomaten gefuehrt. Kurz nach 22:30 Uhr trafen wir dort ein, in unmittelbarer Nachbarschaft des Taj Hotels und schauten unglaeubig die Nachrichtensendungen auf CNN und BBC und versuchten gleichzeitig alle Freunde und Bekannte zu erreichen. Zunaechst war von 15 Verletzten die Rede, keine Toten, doch das aenderte sich zu unserem Entsetzen von Minute zu Minute.
Ich hatte inzwischen meinen Koerper untersucht und festgestellt, dass ich wohl von mehreren Granatsplittern getroffen worden bin. Krankenhaus kam allerdings zu dieser Zeit ueberhaupt nicht in Frage, das haette ja bedeutet, dass ich die sichere Wohnung haette verlassen muessen. Zudem verlor ich so gut wie kein Blut mehr. Die Wunden waren aeusserlich kaum groesser als aufgekratzte Mueckenstiche.
Ich habe in der Nacht kein Auge zugetan, zumal wir staendig weitere Explosionen vom Taj hoerten und die Metallsplitter in mir schmerzten. Nachts um drei kamen dann noch zwei Deutsche Frauen dazu, Mutter und Tochter, die nach 5 Stunden endlich aus dem Taj entkommen konnten, allerdings mit Rauchvergiftungen. Der Ehemann war noch als Geisel im Hotel. Morgens um 10 Uhr gab es dann endlich die erloesende Nachricht, er war frei und wohl auf.
Ich selbst wurde kurz darauf ins Breach Candy Hospital gebracht. Roentgenuntersuchungen dort ergaben, dass ich einen Metalsplitter im linken Fuss, einen im rechten Oberschenkel, zwei in der Huefte rechts und einen in der rechten Wange habe. Alle allerdings winzig klein. Die indischen Aerzte wollen sie drin lassen. Man hat mir verschiedene Medikamente verschrieben, damit sich das nicht entzuendet und dann soll ich mit den Splittern bald keine Probleme mehr haben. Ich bin da noch etwas skeptisch, aber mal sehen.
Klar ist, ich hatte unglaubliches Glueck. Ich war im Leopold’s, doch offensichtlich war meine Zeit wohl noch nicht reif. Laut Medienberichten haben es 7 bis 10 Menschen nicht lebend aus dem Leopold’s geschafft und etliche wurden deutlich schlimmer verletzt als ich.
Also liebe Leute, seid beruhigt: Mir geht es den Umstaenden entsprechend gut. Ich bin unter aerztlicher Aufsicht, muss diverse Medikamente nehmen, damit sich die Wunden nicht entzuenden und damit ich von solch unschoenen Dingen wie Wundbrand verschont bleibe. Die Wunden schmerzen und ich kann nich richtig gehen, linker Fuss und rechte Huefte sind einfach eine schlechte Kombination fuer Verletzungen.
Ansonsten bin ich einfach nur froh, am Leben zu sein.





Unglaublicher Bericht … ich wünsche für die Zukunft alles gute!
Hi Benny,
freut mich zu hören, dass es dir soweit gut geht! Hier in Hamburg bist du mittlerweile ein kleiner Star, aber das hast du mit Sicherheit schon gehört.
Schade, dass ich mich zum ersten Mal bei einer solchen Gelegenheit bei dir melde, aber ich gehe davon aus, dass dein Kopp weiterhin fit ist und du die Sache gut verkraftest!
In LEO Kreisen wirst du mit Sicherheit das Thema am Sonntag beim Adventsmarkt sein
Erstmal gute Besserung und vl sieht man sich ja um Weihnachten herum!
Aus der Heimat,
Felix
Mein lieber Benny,
hab mich schon gewundert das Du nicht auf Nachrichten Antwortest! Ich weiß nicht was ich sagen soll und dieses ist wirklich selten.
Über den letzten Satz, in Deinem Artikel, freue ich mich am meisten. Denn der Rest ist alles andere als zum „freuen“!
Bis Weihnachten, Ciao André
Hi Benny,
man tut das gut, von Dir zu hören. Aus der Ferne hört sich Dein Bericht ebenso wie die Fernseh- und Radioreportagen an wie Ausschnitte aus irgendwelchen Actionfilmen und ich glaube nicht, dass sich irgendjemand hier vorstellen kann, wie das wirklich für Dich und alle anderen Beteiligten gewesen sein muss. Ich wünschte, das wäre Dir auch erspart geblieben, aber ich bin sehr froh, dass Du ohne schwerwiegende körperliche Blessuren davon gekommen bist. Und natürlich hoffe ich sehr, dass Du die Erlebnisse auch emotional gut verarbeiten kannst.
Fühl Dich gedrückt, Deine Familie hier in Deutschland (und dazu zähle ich mich als Schwippscousine jetzt auch) denkt viel an Dich und ich freue mich schon sehr auf unser Wiedersehen in der Weihnachtszeit.
Deine Gloria
unglaublich, ich kanns nicht glauben! sprachlos…
annika (eine freundin, die gerade in meinem zimmer in mahim wohnt war an dem abend bei hanry thams und da muss auch einiges los gewesen sein!
ich kanns nicht glauben, dass du im leopold warst…
uff, gut, dass dir nicht passiert ist. und wenns geht, schreib bitte, wie die lage sonst so in mumbai ist, man bekommt hier nur so schlecht gewürzte nachrichtenhäppchen in dtl!
alles gute!
anja
Für alle, die Benni quicklebendig sehen wollen, hier ist ein kleines Video von ihm unter “Politik” zu finden:
http://mediencenter.n24.de/
Hab dich auch grad im Fernsehen gesehen – auf Pro7.
Da ich nicht wusste, ob Du das wirklich bist, habe ich hier einmal nachgesehen und es stimmt.
Unglaublich, was Du da miterlebt und vor allen Dingen überlebt hast.
Ich wünsche Dir eine gute Besserung und für die Zukunft alles Gute.
Ich find’ es super, dass Du dennoch da bleibst.
Ich hoffe für alle Beteiligten, dass sich die Lage vor Ort bald wieder beruhigt.
LG unbekannterweise aus Hamburg,
Alina
Hi Benny,
na Gott sei Dank ist Dir nur verhaeltnismaessig wenig passiert. Wuensche Dir aus Bangalore weiterhin alles Gute, bin in Gedanken bei Dir und denjenigen, die leider nicht so viel Glueck hatten wie Du.
LG
Kerstin
(Deine T-Online eMail addresse ist wohl im Nirwana verschwunden, darum nun auf diesem Wege… Chat-Protokoll…)
09:49:34: Hallo, Benjamin!
09:50:18: ich hatte gestern Abend am Hauptbahnhof den Namen auf einem Infoscreen gelesen Hamburger Benjamin M. entgeht knapp einem Anschlag… oder so ähnlich war der Text…
09:50:43: es ist wohl kaum anzunehmen, dass es einen 2ten Benjamin M. in Mumbai gibt…
09:50:51: hat mich diese Message sehr gefreut…
09:51:09: Tja, dann kannst Du wohl mit dem 11/26 einen zweiten Geburtstag feiern….
09:51:50: Ich habe am Donnerstag Nacht entschieden, dass ich am Dienstag eine “In Memoriam… Mumbai 11/26″-Ausstrahlen werde…
09:52:06: mir blutet das Herz für Indien, MyIncredible India…
09:52:16: Vielleicht dann demnächst im Chat…
09:52:28: Ich hoffe, dass Deine Familie und Freunde alle wohlauf sind…
09:52:43: Gruss, ElJay Arem (IMC OnAir – IMCRadio.Net) aus Hamburg
09:52:45: +++
Gott sei Dank geht es dir gut! Ich hatte den ganzen Freitag lang dein Blog gecheckt, um zu sehen, ob man etwas von dir hoert. Und nun das! Wenigstens bist du mit dem Leben davon gekommen, und ich hoffe, die Eindruecke/das Erlebte heilt wie die Splitter.
LG
Daniela
Vielen Dank fuer all die lieben Worte!
Lieber Benjamin,
das Bild von Ihnen im Abendblatt hat mich aufgeschreckt.”..den kenne ich doch!”. Sie waren es wirklich!!! Ich konnte es gar nicht glauben!! Gut zu wissen, dass es Ihnen einigermaßen gut geht!! Von den Leos und im Internet hörte ich die erfreulichen Nachrichten!! Gute und problemlose Heimkehr nach Hamburg, gute und schnelle Besserung und ganz herzliche Grüße von alle LF des LC Hamburg-Wandsbek.