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Selbstverstaendlichkeiten

Dem ein oder anderen mag es sauer aufstossen. “Da sitzt der Benjamin im fernen Mumbai, laesst sich am Wochenende die Sonne auf den Pelz scheinen. Die laestige Hausarbeit erledigt Tag fuer Tag eine Maid gewissenhaft und ordentlich fuer wenig Geld und herumfahren laesst er sich von einem Fahrer, der auch noch fuer ihn einkauft und andere Besorgungen erledigt, auf die er gerade keine Lust hat. Und dann stellt der Benjamin sich hin und schreibt, in Deutschland wird gemeckert.” Wieder andere werden sagen, in Deutschland wird doch gar nicht gemeckert. So gesehen in dem Blog einer Freundin, die sich ebenfalls ueber das typisch Deutsche Gejammer auf hohem Niveau beschwerte.
Vermutlich wird es in Deutschland von vielen einfach schon gar nicht mehr wahrgenommen. Es ist halt selbstverstaendlich. Man tut es und denkt sich nichts dabei.
Ebenso, wie man in Deutschland im Sommer den Wasserhahn zu jeder Tageszeit aufdrehen kann und es kommt auch Wasser heraus. Dabei denkt man sich auch nichts. Man macht es einfach, es ist selbstverstaendlich.

Nun, hier in Bombay ist es das nicht.
Mein Haus leidet jetzt schon den dritten Tag in Folge an Wasserknappheit. Fliessend Wasser gibt es nur in einem recht engen Zeitfenster zwischen etwa 6 Uhr morgens und den fruehen Nachmittagsstunden. Wobei es das wortwoertliche Leitungswasser nur viel kuerzer gibt. Die Verfuegbarkeit wird durch Tanks auf dem Dach gestreckt, die morgens vollgepumpt werden. Da hier im Haus aber vielerorts momentan noch gebaut wird, wird auch viel Wasser fuer die Arbeiten benoetigt, darunter leidet dann der Rest.
Ein bis zwei Tage soll es mindestens noch so weitergehen. Ich traue dieser Zeitaussage ja mal nicht so ganz. Echt froh bin ich im Moment auch ueber meine vier Toiletten. Wenn kein Wasser mehr auf der Leitung ist, kann ich wenigstens noch vier mal auf Klo gehen, ehe ich mit dem Eimer spuelen muss…
Jammere ich jetzt auf hohem Niveau? “Der arme Benjamin mit seinen vier Badezimmern. Ein Glueck kommt seine Maid morgens frueh genug, um das dann noch vorhandene fliessend Wasser nutzen zu koennen, um die Wohnung zu putzen, das Geschirr zu spuelen und die Waesche zu waschen…”
Nein! Meine Intuition ist nicht, zu jammern. Denn das tue ich nicht. Ich schreibe nur, wie es ist. Okay, das kann wiederum jeder behaupten. Aber ich sitze nicht hier und jammere herum und bedaure mich selbst und warte darauf, dass irgendwann mal irgendwas passiert, sondern ich lerne damit umzugehen und arrangiere mich damit, so gut es geht. Sollte es mit der Wasserknappheit so weitergehen, werden halt ein paar grosse Plastiktonnen besorgt und morgens mit Wasser befuellt. Da kann man dann den Rest des Tages draus schoepfen. Davon geht die Welt auch nicht unter und wenn in absehbarer Zeit der Monsun beginnt, gibt es hier eh wieder mehr Wasser, als einem lieb sein kann. TII – This is India. Das ist eben Indien.
Ich kann jedem nur raten, einmal in ein Land wie Indien zu gehen. Man sieht anschliessend vieles aus einer ganz neuen Perspektive lernt Dinge in der Heimat, die einem zuvor selbstverstaendlich erschienen, zu schaetzen. Wenn man dazu in der Lage ist, sich so eine neue Perspektive anzueignen, dann ist auch die Gefahr, den neugewonnenen Luxus als Selbstverstaendlichkeit zu betrachten relative ueberschaubar. Genau so, wie ich es hier jetzt geniesse, Maid und Fahrer zu haben, geniesse ich es inzwischen in der Heimat, dass zu jeder Tageszeit sauberes, trinkbares Wasser aus der Leitung kommt.
Wie sagte schon Mark Twain?
“Travel is fatal to prejudice, bigotry, and narrow-mindedness, and many of our people need it sorely on these accounts. Broad, wholesome, charitable views of men and things cannot be acquired by vegetating in one little corner of the earth all one’s lifetime.”

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