Der ganz alltaegliche Wahnsinn
Gepostet von Benjamin am Aug 27, 2009 in Indien | 2 KommentareIch habe mal wieder laenger nicht geschrieben. Ich weiss. Ich schaeme mich auch ein wenig. Aber aus meiner Perspektive ist zur Zeit irgendwie einfach nicht viel los. Der Alltags-Trott dominiert.
Heute auf dem Weg zur Arbeit habe ich allerdings genau darueber mal ein wenig genauer nachgedacht. Was ist eigentlich Alltag. Und dabei ist mir aufgefallen, dass das, was hier von mir als “alltaeglich†und “ganz normal†hingenommen wird auf den Betrachter aus Deutschland dann vielleicht doch etwas anders wirkt.
Nehmen wir exemplarisch einfach mal den ersten Teil meines heutigen Tages. Nach dem Aufstehen setzt die allmorgendliche Routine ein: Klimaanlage im Schlafzimmer aus, Luftentfeuchter an. Dann Rundgang durch alle Zimmer, Deckenventilatoren einschalten. Keine Chance dem Schimmel! Anschliessend fix durchs Bad, ankleiden, die Maid reinlassen, Notebook in der Tasche verstauen, Flasche Wasser als Wegzehrung schnappen und raus zur Tuer.
Heute ging dann zur Abwechslung mal der Fahrstuhl nicht. Also mit Sack und Pack die neun Stockwerke durchs Treppenhaus abwaerts. Ja, dabei wird einem warm, bei morgens schon ueber dreissig Grad und einer Luftfeuchtigkeit von weit ueber 80%.
Naechster Schritte nach dem Schweissabtupfen: Allen unten anwesenden Personen (dem Liftboy, zwei Sicherheitsmaennern, dem Maedchen fuer alles und einigen Fahrern) einen guten Morgen wuenschen, warten, dass mein Wagen vorfaehrt, einsteigen, endlich wieder klimatisierte Luft… Meine Tasche darf ich selbst nicht verstauen, das macht Lucas, mein Fahrer. Es war schon ein echter Kampf ihm beizubringen, dass es fuer mich wirklich okay ist, wenn ich meine Tasche selbst nach oben trage, wenn ich abends Heim komme.
Im Auto werden dann erstmal die taeglichen Schlagzeilen ueberflogen:
Die Polizei Mumbais soll auf eine neue Diaet gesetzt werden. Schluss mit fettreicher Kost. Ab jetzt gibt es fuer die haeufig dickbaeuchigen Polizisten nicht mehr die schoen fettige indische Kost, sondern Obst, Salate und so weiter. Na, da wird die Laune der eh unterbezahlten Polizisten mit Sicherheit gleich noch viiieeel besser.
Dienstag ist in Mumbai ein 6-Etagen-Haus eingestuerzt, weil ein Ladenbesitzer meinte, in seinem Geschaeft im Erdgeschoss ein paar stoerende (dummerweise aber tragende) Saeulen entfernen zu muessen. Shit happens. Nun wird er halt verklagt.
Ein paar Glaeubige haben sich fuer einige Stunden in Wasserfaesser gesetzt, gebetet und Mantras gesungen, in der Hoffnung, dass dadurch der Regen endlich so richtig einsetzt.
In Mumbais 1.25 Millionen Vorort Thane haeufen sich die Malaria Erkrankungen.
Ein Flyover (eine Bruecke ueber eine viel befahrene Kreuzung), die eigentlich innerhalb von 18 Monaten haette fertig gestellt sein sollen, ist nach nun mehr drei Jahren immernoch fernab der Vollendung, dafuer versperrt die Baustelle aber auesserst erfolgreich zwei von drei Fahrspuren.
Indien bekommt 2010 seine erste gruene Partei.
Transsexuelle bekommen eine eigene Internetseite fuer die Suche nach Ehepartnern.
Der Sexpert wird heute gefragt, ob man definitiv der Vater eines Kindes ist, wenn die Ehefrau schwanger wird. Ein anderer Leser klagt, dass seine Frau beim Sex immer sehr schnell trocken werde und fragt, woran das nur liegen koenne. Der Rat an ihn: Er solle doch mal herausfinden, warum sie so schnell das Interesse am Sex mit ihm verliert. Und ein 25jaehriger fuerchtet schwul zu sein und fragt, ob es da Mittel gegen gibt.
Zu lange kann man sich allerdings nicht auf die Zeitung konzentrieren. Das ist nicht nur dem Inhalt geschuldet, sondern viel mehr den schlechten Strassen und dem an Autoscooter erinnernden Fahrstil. Bei der Schaukelei und dem Gewackel und Geruettel wird mir beim Lesen im Auto dann doch recht schnell unwohl. Also Zeitung bei Seite gelegt und aus dem Fenster geschaut, das bunte Chaos bewundert.
Kurz wurde ich dabei ein Mal aus meiner Ruhe gerissen, als dem Wagen neben mir mit einem lauten Knall der Reifen platzte. Der anfaengliche Schreck war dann aber auch schnell wieder ueberwunden und die Weiterfahrt ins Buero verlief ereignislos…
Alltag in Indien, so schaut’s aus.





Hi Bejamin, auch wenn Du es mir vielleicht nicht glauben wirst, aber um alles in der Welt würde ich mit dir tauschen
Wie lange ich es dann in diesem alltäglichen Wahnsinn aushalte, das ist sicherlich eine andere Frage. Eine Reise nach Indien gemeinsam mit meiner Frau ist schon länger geplant – wird aber doch noch eine ganze Weile dauern. Bis dahin lese ich halt immer wieder in Deinem Blog was es neues aus Mubai gibt – und dafür danke ich dir.
Hi Kai, ich glaube dir gerne. Aber du schreibst es schon selbst, es ist einfach so, dass nach einiger Zeit die anfaengliche Euphorie dann doch etwas getruebt wird. Was ja nicht heissen soll, dass es hier total scheisse ist. Aber es ist hier halt nicht alles toll
Ich druecke die Daumen ,dass es deiner Frau und dir gelingt, eines Tages mal Indien zu bereisen. Es lohnt sich sicher!