Rueckblich und Ausblick
Schon lange schiebe ich es vor mir her, einen Jahresrueckblick zu schreiben. Am Jahrestag meiner Entsendung weilte ich gerade im Urlaub in Deutschland. Und auch danach habe ich es immer weiter vor mir hergeschoben. Und ehe ich mich versah war auch schon der naechste Jahrestag an der Reihe, der der Anschlaege vom 26. November 2008. Ich habe mich schwer getan, da jetzt die passenden Worte zu finden, fuer all das, was ich in der Zeit seit meiner Ankunft in Indien am 01. Oktober 2008 erlebt habe.
Mumbai ist krass. Es ist heiss. Selbst jetzt im Dezember. Waehrend des Monsuns ist es dazu noch unglaublich schwuel. Alles schimmelt. Es ist laut. Unglaublich laut. So laut, dass ich bei meinem ersten Deutschland-Urlaub im Dezember letzten Jahres in Hamburg dachte, ich sei taub, als ich morgens erwachte und einfach mal nichts hoerte. Es stinkt. „Man kann Mumbai am Gestank erkennen, sobald sich die Flugzeugtueren oeffnen“, sagte mein Inder, bevor ich 2005 das aller erste Mal nach Indien reiste. Ich glaubte es nicht. Wollte es nicht glauben. Er hat Recht behalten, es ist auch heute nicht anders. Dazu der Smog.
Und dann die Menschen. Viel zu viele Menschen. 16 Millionen auf der Haelfte der Flaeche Hamburgs. Ueberall sieht man Scheisse. Hundescheisse der unzaehligen Strassenkoeter. Kuhscheisse der frei durch die Strassen streifenden Kuehe. Ziegenscheisse der fuer das muslimische Opferfest gehaltenen Ziegen findet man sogar im Aufzug seiner Wohnung. Und natuerlich Menschenscheisse. Jeden Morgen auf dem Weg zum Buero passiere ich ein Stueck Strasse, wo nachts die LKW parken. Die Fahrer wohnen in ihren LKW. Morgens hocken sie sich versteckt hinter die Reifen ihrer Trucks an den Kantstein und verrichten ihre Notdurft. Wenn ich dann vorbeifahre, in Anzug und Krawatte auf dem Weg zur Arbeit, sind die Trucks schon weg. Nur die Scheisse ist noch da. Schmierig, breiig laeuft sie den Kantstein hinab.
Nur waehrend des Monsuns sind die Kantsteine sauber. Dann schwimmt die Scheisse mit allerhand anderem undefinierbaren Zeugs im je nach Gegend huefthoch stehenden Wasser auf den Strassen.
Doch dieses Jahr war der Monsun schwach. Zu schwach. Das Leitungswasser wird nun sanktioniert. Fliessend Wasser gibt es bei mir im Haus nur noch jeweils morgens und abends ein paar Stunden. Das wird wohl auch bis zum naechsten Regen so bleiben. Das Klo spuehlt man dann halt mit dem Eimer und Wasser aus einem grossen Plastikfass.
Und dann die Seuchen und Krankheiten. Irgendwann kriegt man unweigerlich Durchfall oder die Kotzerei. Da kann man noch so vorsichtig sein, irgendwann sucht es einen Heim. Aber in Anbetracht der sonst noch im Angebot befindlichen Krankheiten kann man direkt dankbar sein, dass man sich nichts schlimmeres gefangen hat. Malaria, Dengue Fieber, die Pest, Tollwut, Cholera, Lepra, Tuberkulose, Japanische Enzephalitis, der kranken Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Aber trotzdem, Indien ist faszinierend. Jeder Weg zur Arbeit, ja sogar die kurze Strecke zum Supermarkt ist voll von neuen Eindruecken. Allein schon der Strassenverkehr. Hunde. Kuehe. Elefanten.Fussgaenger. Radfahrer. Karren. Kutschen. Motorraeder mit und ohne Beiwagen. Rickshas. Uralte Taxen. Autos in allen Groessenordnungen und Preisklassen. LKW. Busse. Ein einziges Chaos und immer haarscharf am Unfall vorbei.
Dazu das Leben auf den Buergersteigen. Dort wird nicht nur gegangen oder gestanden. Dort wird gesessen, gelegen, geschlafen und gewohnt. Dort werden Geschaefte aller Art verrichtet, ja, da wird oeffentlicher Raum nicht nur besessen, sondern gemeinschaftlich gelebt.
Kaum zu glauben, dass ich in drei Tagen schon wieder im Flugzeug sitze und nach Hamburg zurueck fliege. „Was fuer ein toller langer Weihnachtsurlaub“, mag nun der ein oder andere denken. Aber dem ist nicht so. Zunaechst steht Anfang naechster Woche noch eine Operation an. Der Granatsplitter im Gesicht, ein weiteres Andenken der Terroranschlaege vom 26.11.2008 wird entfernt. Drei bis vier Naechte werde ich im Krankenhaus bleiben muessen, dann ist dieses Thema endlich abgehakt, denn die verbliebenen drei Granatsplitter sollen bleiben, wo sie sind.
Bleibt zu hoffen, dass die Narbe schnell verheilt und ich auch noch dazu komme, die Weihnachtsmaerkte in Hamburg zu geniessen. Ich war zwar schon am Sonntag auf dem Deutschen Christmas Fest hier in Mumbai. Aber Gluehwein bei 30 Grad ist einfach nicht das Wahre.
Ansonsten werde ich mich die ersten Tage in Deutschland wieder darauf konzentrieren muessen, den „Verbuschungs-Effekt“ zu unterdruecken, den so ein langer Aufenthalt im Dschungel mit sich bringt. So fuehrt das typisch indische Kopfwackeln (maybe yes, maybe no, maybe I don’t fucking know) in Deutschland doch eher zu Verwunderung und auch das Anreden einfacher Dienstleister mit „hey boss“ wird eher nicht so gerne gesehen.
Aber ich bin zuversichtlich, dass es mir gelingt, dies Klippen zu umschiffen und meinen Akku ordentlich aufzuladen, bevor es Anfang Januar in Bombay wieder heisst „welcome to the jungle“.
Da ich nicht weiss, ob ich waehrend meines Heimaturlaubs dazu komme, hier gross zu bloggen, wuensche ich meinen Lesern schon jetzt eine schoene Weihnachtszeit. Als kleines Schmankerl gibt es hier gleich noch eine indische Version von „Jingle Bells“.



3 comments
Ich wuensche Dir alles Gute fuer die Operation, auf dass alles gut verheilt und nur noch klitzekleine Narben (auch seelische) uebrigbleiben.
Wenn’s so sein soll: Frohe Weihnachten, eine angenehme Zeit in good old Germany und einen guten Rutsch. Freu mich auf weitere spannende Nachrichten aus Mumbai.
LG
Kerstin
oje, das thema splitter ist immernoch aktuell?
wünsche dir auch eine schöne zeit in deutschland! verpass den st.pauli weihnachtsmarkt nicht, der ist zwar klein, aber irgendwie skuril…
dein jahresrückblick…mmh…ja, irgendwie stimmts…und trotzdem freue ich mich, bald wieder ein teil des chaoses zu sein…
frohes fest!
lg anja
(ps: hast du deinen facebook acount gelöscht?)
Dann wünsch ich dir (mit Verspätung) ganz viel Spaß. Eine Ladung Schnee gabs ja schon.
Ich hoffe, es hat dich nicht gänzlich zugeschneit, sonsts auch in Deutschland momentan wie im Dschungel. Nur eisig.
Die Erfahrung mit der vermeintlichen Taubheit habe ich bei meinem letzten, leider schon lange zurück liegenden Urlaub in der Heimat ebenfalls gemacht. Es herrschte solche Totenstille, dass ich ohne Radio nicht einschlafen konnte.
Dieser sonderbare Zustand hielt Gott sei Dank aber nicht lange an.
Viel Spaß mit der wahren Glühweinerfahrung. Du hast ja so Recht.
LG
Daniela
Leave a Comment